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Palimpsestuntersuchung mit Hartröntgenfluoreszenz

Mittelalterlicher Kodex mit Hartröntgenfluoreszenz untersucht: Experiment zur Handschriftenforschung am DESY

Zu einer einmaligen Zusammenarbeit jenseits der Grenzen von Geistes- und Naturwissenschaften haben sich drei Institutionen, nämlich das Hamburger Synchrotronstrahlungslabor (HASYLAB) am Deutschen Elektronen-Synchrotron (DESY), das Projekt Teuchos. Zentrum für Handschriften- und Textforschung der Universität Hamburg und die Universitätsbibliothek Leipzig zusammengeschlossen und ein Experiment zur zerstörungsfreien Sichtbarmachung von Tintenspuren in mittelalterlichen Pergamenthandschriften durchgeführt.

Das zur Untersuchung ausgewählte Handschriftenfragment stammt aus der UB Leipzig und wurde von Christoph Mackert, dem Leiter der dortigen Handschriftenabteilung, persönlich nach Hamburg gebracht und hier von den Organisatoren des Experiments, Daniel Deckers (Mitarbeiter des Teuchos-Zentrums) und Leif Glaser (Mitarbeiter am HASYLAB), in Empfang genommen. Eine Woche lang, vom 28.4. bis 4.5.2009, wurde das Pergamentblatt dann, eingespannt in eine komplizierte Versuchsanordnung, rund um die Uhr mittels Hartröntgenstrahlung untersucht.

Das Pergamentblatt ist Teil eines sogenannten Palimpsests. Palimpseste sind Pergamenthandschriften aus Blättern, deren untere Schrift einige Jahrzehnte oder Jahrhunderte nach ihrer Entstehung durch Auskratzen oder durch die Anwendung geeigneter Tinkturen gelöscht wurde, um aus Beschreibstoffmangel oder aus Kostengründen einer erneutenVerwendung zugeführt zu werden. Solche Handschriften enthalten in der unteren Schrift nicht selten sonst verschollene Werke oder unbekannte Textfassungen.

Im vorliegenden Fall handelt es sich um eine Handschrift, die im Jahr 885/886 aus Blättern zweier älterer Handschriften zusammengestellt und im griechisch-orthodoxen Kloster Mar Saba nahe Jerusalem mit Heiligenviten (darunter diejenige des Klostergründers) in arabischer Schrift neu beschrieben wurde. Der berühmte Handschriften- und Bibelforscher Konstantin von Tischendorf (1815-1874) erwarb die Blätter 1844 von dem Kloster und brachte sie 1845 nach Leipzig. (Einer der ersten Leser war Nietzsche, der in seiner Studienzeit einen Paläographiekurs bei Tischendorf besuchte und dem die Blätter im Anschluss gezeigt wurden.) Das hier untersuchte Blatt enthielt als unteren, für die Neubeschriftung gelöschten Text, der wohl im 8. oder 9. Jahrhundert niedergeschrieben worden war, einen grammatischen Traktat mit umfangreichen Randbemerkungen. Dabei handelt es sich höchstwahrscheinlich um das Hypomnema des Oros (erste Hälfte des 5. Jahrhunderts n. Chr.) zur Orthographie Herodians (zweite Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr.).

Die Zeit, in der Chemikalien zur Lesbarmachung von Palimpsesten eingesetzt wurden, ist lange vorbei, denn diese Mittel verursachten bleibende Schäden an den alten Handschriften. Inzwischen werden schonende Methoden verfolgt, z.B. multispektrale photographische Verfahren (so etwa im von Hamburg koordinierten EU-Projekt Rinascimento virtuale. Innovativ und richtungweisend für die Zukunft ist bei dem hier beschriebenen Experiment die Nutzung der Röntgenfluoreszenz. Denn auch geringste Spuren von Eisen und anderen Elementen, die in der mittelalterlichen Tinte enthalten waren, lassen sich mit ihrer Hilfe nachweisen. Um diese Spuren zweidimensional darzustellen und so ein Bild auch der gelöschten Schrift zu erhalten, wurde das Blatt in einer eigens konzipierten Halterung auf einen Fahrtisch mit mikromechanischen Führungen montiert und mit der Hartröntgenstrahlung punktweise auf den Gehalt bestimmter Elemente untersucht.

Für die Untersuchung wurde bewusst ein Blatt einer beschädigten Handschrift ausgewählt, das bereits im 19. Jahrhundert von Forschern stellenweise mit zwei damals gebräuchlichen Tinkturen zur Sichtbarmachung der unteren Schrift behandelt worden war. Diese Substanzen haben ihre Spuren hinterlassen, die Schrift gänzlich blau gefärbt – es sieht so aus, als habe sich Tinte darüber ergossen – und so zur Beschädigung der behandelten Blätter beigetragen.

Für die Untersuchung, bei der auf erste Erfahrungen aus einem vorangegangenem eigenen Experiment am Hasylab im Jahr 2007 zurückgegriffen werden konnte, kam ein Verfahren zum Einsatz, das im wesentlichen dem bei der Untersuchung von vier Blättern des Archimedes-Palimpsests anhand des Eisengehalts der Tinte in Stanford am dortigen Linearbeschleuniger verwendeten entspricht. Der Archimedes-Palimpsest, der im Jahre 1998 unter weltweitem Aufsehen bei Christie’s für zwei Millionen Dollar versteigert und von einem amerikanischen Multimillionär erworben wurde, ist in den letzten zehn Jahren am Walters Art Museum in Baltimore unter Beteiligung führender amerikanischer Institutionen mit modernster Technik intensiv philologisch bearbeitet worden (vgl. <http://www.archimedespalimpsest.org/>).

Das Hamburger Experiment möchte neben dem Versuch, neue inhaltliche Erkenntnisse zu dem enthaltenen Text zu gewinnen, zugleich erforschen, wie sich der unterschiedliche Zustand und die Spuren der früher verwendeten Tinkturen auf das Untersuchungsergebnis auswirken. Parallel wurden Erkenntnisse gesammelt, inwieweit sich das Verfahren für spätere Anwendungen optimieren lässt.

Da die Untersuchung der wichtigsten Teile eines einzigen Blatts sechs Tage in Anspruch genommen hat und der Experimentierplatz dementsprechend sechs Tage und Nächte hindurch rund um die Uhr von Wissenschaftlern oder studentischen Mitarbeitern beaufsichtigt werden musste, waren für künftige Versuche vor allem die Möglichkeiten einer Beschleunigung der Messung von Interesse, wozu die quantitativen Daten dieses Experiments wichtige Anhaltspunkte liefern werden.

Auch wenn die endgültige Auswertung der Messergebnisse noch Wochen in Anspruch nehmen wird, lässt sich bereits jetzt sagen, dass die Darstellung der Schrift nicht ausschließlich anhand der Spuren von Eisen, sondern u.a. auch anhand geringster Kupferspuren insgesamt erfolgreich war und auch die schädigenden Einflüsse der früheren Behandlung kein grundsätzliches Hindernis für das hier angewandte Verfahren sind. Auch in Bereichen, in denen mit bloßem Auge trotz der früheren Behandlung keine Tintenspuren erkennbar waren, konnten in der Röntgenfluoreszenzaufnahme Reste einzelner Buchstaben sichtbar gemacht werden.

Das angewendete Verfahren erfordert einen monochromatisierten Hartröntgenstrahl mit hoher Flussdichte und einem Fokusdurchmesser zwischen 50 und 100 Mikrometern, wofür derzeit eine Synchrotron-Strahlenquelle erforderlich ist, wodurch die Anwendung nur an wenigen Standorten erfolgen kann und daher auf Sonderfälle beschränkt bleibt. Die jetzt gewonnenen Ergebnisse lassen jedoch nach vorläufigem Stand einen Aufbau mit einer mobilen Röntgenquelle und einem auf diese Anwendung optimierten Detektor möglich erscheinen, der umfangreichere Untersuchungen erlauben würde. Da europaweit allein für das Griechische Patrimonium knapp 1.000 palimpsestierte Handschriften oder Fragmente existieren, aus denen sich zahlreiche für die Forschung höchst relevante Fragen ergeben, ist eine entsprechende Weiterentwicklung der Untersuchungsmethode von großem Interesse.
 

Darstellung des Versuchsaufbaus auf dem KontrollmonitorDer Versuchsaufbau auf dem Kontrollmonitor (bei laufender Messung).
 

Mitarbeiter betrachten Daten zur Vorauswertung

Während der Messung: ein Blick auf erste Daten (L. Glaser / Hasylab und Chr. Mackert / Univ.bibl. Leipzig).

 

 

Das beschriebene Experiment konnte nur dank der Bereitstellung der Handschrift durch die Universität Leipzig, dank der technischen Unterstützung durch Mitarbeiter des Hasylab und nicht zuletzt dank der großzügigen Förderung des diese Untersuchungen koordinierenden Teuchos-Zentrums durch die DFG und durch die Universität Hamburg stattfinden.